Wandern im LSV

Gut eincremen, Sonnenhut, Sonnenbrille, jede Menge Wasser im Trinkbeutel, Proviant, Landkarte, GPS und Kompass… Geht’s zum Wandern? Die Ausrüstung legt es nahe. Im LSV hat man es eher mit dem Luftwandern oder dem Streckenflug, wie der Segelflieger es nennt.

Los geht’s

Wenn nach der Ausbildung und dem Erreichen der Fluglizenz die ersten schönen Flugerfahrungen über Zellhausen gesammelt sind und man sich für fortgeschrittene Flugzeugtypen qualifiziert hat, stellt sich oft die Frage nach der weiteren Entwicklung des Hobbys. Die Fliegerei übt auf viele gerade deshalb einen anhaltenden Reiz aus, weil es immer Neues zu entdecken gibt und man die eigenen Grenzen Stück für Stück erweitern kann.

Während einige ihre Flugerfahrung irgendwann beim Motorflug oder dem Ultraleichtfliegen ausbauen, ist für eingefleischte Segelflieger häufig der Streckenflug die reizvollste Variante, neue persönliche Grenzen zu erforschen.

Dies bedeutet, sich nicht mehr in sicherer Platznähe von der Thermik in die Höhe tragen zu lassen, sondern größere Entfernungen „unter die Flügel“ zu nehmen.

Erste Schritte in der Ausbildung

Ein erster Streckenflug über 50 km ist bereits Teil der Ausbildung. Ohne ihn kann niemand Pilot werden, weil er die wichtigste Reifeprüfung zum praktischen Umsetzen alles Erlernten ist. Für den Flugschüler ist das erstmalige Wegfliegen vom eigenen Platz mit Abstand der aufregendste Teil der Ganzen. Bekommt er keinen dauerhaften Anschluss an die Thermik, muss im Zweifel auf einem unbekannten Flugplatz oder auf einem Acker gelandet werden. Die Rückreise erfolgt dann per Anhänger auf der Straße. Spätestens hier wird klar, warum der Segelflug ein Teamsport ist, auch wenn der Pilot oft alleine im Cockpit sitzt.

Trotz allem ist die Hürde des ersten Streckenflugs relativ klein. Meist absolvieren unsere Flugschüler ihre „Reifeprüfung“ im sommerlichen Fliegerlager. Hat man sich dort über dem Platz auf 1.500 – 2.000 Meter Höhe „hochgekurbelt“, genügt dies fast schon, um das Ziel zu erreichen und die Möglichkeit einer Außenlandung zu minimieren.

Ist der Schein in der Tasche, gehen die Nachwuchspiloten zunächst meist Distanzen von etwa 150-200 km an, die auch für Ungeübte in 3-4 Stunden zu schaffen sind.

Bei Profis kann der „Arbeitstag“ auch mal 9 Stunden dauern und über 600 km und mehr gehen. Der Vereinsrekord liegt aktuell bei 926 km an einem Tag!

Der Reiz des Streckenflugs

Was ist der Reiz des Streckenfliegens und wie gestaltet sich der Flug? Auch wenn ein Segelflugzeug ein modernes technisches Gerät ist, spürt der Pilot schnell die Verbundenheit mit den Kräften der Natur, die ihn tragen, vorwärtsbringen, und die er optimal für sich nutzen muss. Das Vorankommen ist meist etwas schneller als mit dem Auto, da man die deutlich kürzere Luftlinie nehmen kann. Die Perspektive von oben ist eine ganz besondere, insbesondere, wenn man das Ziel bei gutem Wetter schon aus 50 km Entfernung sehen kann.

Der Pilot hat bei den leistungsfähigen und auf Streckenflug optimierten Flugzeugtypen mit einem recht engen Cockpit Vorlieb zu nehmen. Ein Segelflugzeug ist auf eine bestmögliche Aerodynamik ausgelegt. Der Pilot darf gerade eben so viel Platz einnehmen, wie nötig. Auch größer Gewachsene jenseits der 190 cm passen je nach Flugzeugtyp in ein Cockpit, allzu breit sollten sie aber nicht sein. Links und rechts bleiben bei einem durchschnittlich gebauten Mann nur etwa 3 cm Platz. Jenseits der 100 kg Gewicht, ist zudem schnell die maximale Zuladung erreicht.

Die Vorbereitung

Wer sich den bescheidenen Platz mit einer Wasserflasche teilen möchte, stößt schnell an Grenzen. Praktikabel ist ausschließlich ein Trinkschlauch, der hinter dem Piloten in den kleinen Stauraum gepackt wird. Das Mundstück wird so platziert, dass es im Flug gut erreichbar ist. In einer kleinen Tasche an der Bordwand ist gerade noch Platz für passend gefaltete Landkarten und einen Snack für unterwegs. Platz um die Karte auszufalten? Fehlanzeige!

Ist das für die Besatzung nicht sehr unbequem und beengend? Einmal in der Luft, fühlt es sich keineswegs so an. Die große Plexiglashaube ermöglicht eine tolle Rundumsicht, so dass beinahe das Gefühl entsteht, im Freien zu sitzen. Umständlich kann es sein, nach der Ausrüstung zu greifen, die zwischen Pilot, Fallschirm und Bordwand eingeklemmt ist. Die Beladung des Cockpits will gut geplant sein, damit der Flug entspannt angegangen werden kann.

Die Sitzposition ist ausgesprochen gemütlich. In den Hochleistungseinsitzern unseres Vereins begibt sich der Pilot – der Aerodynamik geschuldet – in eine Liegeposition. Beim Start ist dadurch die Sicht nach vorne etwas eingeschränkt. Einmal in der Luft, ist sie jedoch blendend.

Wie ist das mit den Temperaturen? Alle unsere Flugzeuge haben eine ordentliche Lüftung. In den Sekunden vor dem Windenstart wird es bei geschlossener Haube jedoch in der Tat kurzzeitig sehr heiß, denn der Pilot sitzt de facto in einem Glashaus.

An einem heißen Sommertag ist es besonders erstrebenswert, größere Höhen zu erreichen, denn erst jenseits der 1.000 m Höhe werden die Temperaturen langsam angenehm. Bezüglich der Kleidung verfolgt jeder Pilot seine eigene Philosophie. Ob lange Ärmel oder Hosenbeine oder ganz in kurz. Jeder hat einen anderen Wohlfühlbereich. Bei längeren Flügen in großen Höhen kann es ordentlich kalt werden. Auf 2.000 m kann auch an einem Sommertag die Temperatur auf unter 0°C fallen. Im Cockpit bleibt es wegen der Sonneneinstrahlung jedoch angenehm. Lediglich eine Kopfbedeckung ist obligatorisch. Die Wirkung der Sonne ist insbesondere in der Höhe nicht zu unterschätzen und würde sonst einen sicheren Flug gefährden.

Nicht nur Proviant und Kleidung wollen gut organisiert sein. Ein Fliegersprichwort lautet: „Fliegen geht schnell, man braucht dafür nur unheimlich viel Zeit“. Ein Streckenflug beginnt bereits am Vorabend zu Hause mit dem Einholen des Flugwetters für die geplante Route. Zudem ist das Studieren der NOTAMS, der aktuellen Flugsicherheitsinformationen Pflicht. Beides muss mit an Bord gehen.

Vor dem Start wird die geplante Strecke ins das GPS des Fliegers einprogrammiert. Zudem wird die Route auf einer aktuellen Luftfahrerkarte eingezeichnet. Bis weit in die 90er Jahre war neben dem Kompass eine Karte im Maßstab 1:500.000 die einzige Navigationshilfe. Die Technik hat die Sache für die Piloten jedoch enorm vereinfacht. Neben der Information über die aktuelle Position und die Richtung des nächsten Wegpunktes, versorgt das GPS den Piloten mit Informationen zu Lufträumen, Wind und der Erreichbarkeit der nahegelegensten Flugplätze. So kann die Route unterwegs stets an die Gegebenheiten angepasst werden. Ein Kompass ist im Segelflug heute nur noch Makulatur.

Was macht einen guten Streckenflieger aus

Welche Qualitäten braucht ein guter Streckenflieger? Zunächst einmal ein gutes Stück Stressresistenz und die Fähigkeit zum Multitasking. Der Streckenflug besteht aus der permanenten Suche nach dem nächsten Aufwind, dem Erfühlen der Thermik zum Erreichen eines optimalen Steigens, der gleichzeitigen Navigation, dem Beobachten der Wolken und dem Anwenden einer an das Wetter angepassten Taktik. Daneben schaut ein Auge immer auch aufs GPS oder den Boden, denn es muss stets eine geeignete Landemöglichkeit erreichbar sein. Die typischen Zellhäuser „Jagdgebiete“ im Spessart, Odenwald und in der Rhön bieten etliche geeignete Flugplätze, im Zweifelsfall muss es aber auch ein Acker tun. Ein Segelflugzeug kann bei Bedarf auf einer Strecke von 200-300 Metern landen. Auch wenn es für einen Fußgänger ungewöhnlich scheinen mag: eine Außenlandung ist kein Notfall, sondern ein reguläres Manöver.

Danach entwickeln sich für den Piloten gelegentlich amüsante Gespräche. Die Anwesenheit eines Flugzeugs auf einem Kartoffelacker ist nicht jedem Passanten plausibel und es gibt gelegentlich besorgte Nachfragen nach dem Befinden des Piloten. Nein, das Flugzeug musste nicht runter, weil ihm der Wind ausgegangen ist. Zumindest nicht der horizontale, welchen der Fußgänger in der Regel im Sinn hat. Da Thermik aber nichts anderes ist als vertikaler Wind, ist die Vermutung am Ende doch nicht so falsch.

Zu guter Letzt

Und wie fühlt sich so ein Streckenflug an? Wesentliche Elemente dabei sind Stress, Erleichterung und Euphorie. Die Unsicherheit, ob das Ziel erreicht werden kann, der Bammel vor der ersten Außenlandung, die Erleichterung, wenn man einen guten Aufwind erwischt und mit guter Höhenreserve weiterfliegen kann. Die immer wieder faszinierenden Momente, in denen man den Wolken nah ist, die Landschaft unter sich vorbeiziehen sieht und langsam der Zielflugplatz in Reichweite kommt. Das Eins-Sein mit der Natur und das Wissen, dass man nur durch die Kräfte der Natur und die eigene Erfahrung ein Ziel erreicht hat, sind eine großartige Bestätigung für die eigene Leistung.

Der Stress nimmt mit zunehmender Erfahrung ab, die Euphorie zu. Und am Ende ist ein Streckenflug immer eine Analogie auf das Leben. Der Mensch plant, organisiert, steuert, trifft immer wieder neue Entscheidungen. Doch am Ende liegt es immer in Gottes Hand, ob er das gewünschte Ziel erreicht.